Renate Rusche-Staudinger
Bassklarinette

Zur Geschichte der Bassklarinette

Das zu Beginn des 19. Jahrhunderts hervordrängende romantische Ausdrucksbedürfnis in der Musik bewirkte in allen ihren Teilbereichen weitreichende Veränderungen und Erneuerungen.

Durch die chromatische Ausweitung der Harmonik und der Melodik wurden die Grenzen der Tonalität allmählich erreicht. Die technische Weiterentwicklung des Orchesterinstrumentariums, insbesondere der Blasinstrumente, wurde somit notwendigerweise vorangetrieben. Die Expansion der Form, der größere Ambitus der Dynamik und die zunehmende Bedeutung des rhythmischen Elements erforderten zwangsläufig eine kontinuierliche Vergrößerung des Orchesterapparates. Diese Tendenz gipfelte schließlich darin, den erweiterten Tonmassen zusätzlich neue Klangfarben beizumischen.

Auf der Suche nach solch neuen Farben entdeckte schon Mozart die Schönheit des tiefen Klarinettenregisters und führte das Bassetthorn, eine Variante der Altklarinette, in einige seiner Werke ein. Demzufolge überrascht es nicht, dass die Klarinettenfamilie, die jüngste Bläsergruppe im Orchester überhaupt, in der Romantik durch ein Bassinstrument ergänzt werden sollte.

Was dazumal in französischen, deutschen, italienischen und belgischen Werkstätten - oft völlig unabhängig voneinander - konstruiert worden ist, erinnert kaum noch an die heutige Form des Instruments.

Trotz ihrer anfänglich durchaus monströsen Bauweise, ihrer wie beim Fagott geknickten oder in zahllose dichte Windungen geschlungenen Holzröhre, zeichnet auch die frühe Bassklarinette jener Klangzauber aus, der ihr den zärtlichen Namen Glicibarifono, zu deutsch Süßtieftöner, einbrachte. Ihre tonlichen Qualitäten bescheinigt auch der belgische Musikforscher François Joseph Fetis anlässlich einer Bassklarinettenvorführung um das Jahr 1832:"Beim Anblick dieses großen, ja riesigen Instruments glaubten die meisten Hörer, dass sie harte und rauhe Töne zu hören bekommen würden; statt dessen hörten sie schöne volle, stark und weich klingende Töne...."

Von dem Wohlklang der Bassklarinette war Giaccomo Meyerbeer (1791 - 1864), führender Komponist auf dem Gebiet der Großen Oper, immerhin derart begeistert, dass er dem Instrument in seiner Oper Die Hugenotten (1836) ein groß angelegtes Rezitativ übertrug - das früheste Bassklarinettensolo in der Musikgeschichte überhaupt! In diesen Jahren entwickelte der berühmte belgische Instrumentenmacher Adolph Sax (1814 - 1894) ein Modell in gestreckter Rohrform, den unmittelbaren Vorläufer unserer heutigen Bassklarinette, und schaffte so die entscheidende Voraussetzung für die schnelle Verbreitung des Instruments. Kaum ein Opernkomponist verzichtete in der Folgezeit auf die Bassklarinette zur Stimmungsverdichtung der markantesten Schlüsselstellen im Handlungsablauf. Namentlich Richard Wagner und Giuseppe Verdi setzten durch sie Akzente von äußerster Intensität.

In der romantischen Sinfonieliteratur hingegen vermissen wir die Bassklarinette zunächst. Bruckner und Brahms bewahrten die traditionelle Orchesterbesetzung länger und setzten keine theatralischen Instrumente ein. Die Modernisten Berlioz und Liszt, die Spätromantiker und die Komponisten des 20. Jahrhunderts nutzten allerdings ausgiebig ihre Klangvielfalt, die schon bald nicht mehr auf edle Legatopassagen begrenzt blieb. Auch in der Filmmusik ist sie unentbehrlich geworden. Anlehnend an Einsatz und Funktion im Opernorchester ist sie auch hier in der Lage, selbst die knisterndste Spannung noch zu steigern.

Die relativ junge Bassklarinette hat sich zum erfolgreich integrierten Orchesterinstrument entwickelt, parallel dazu emanzipiert sie sich seit Jahrzehnten souverän auch als Soloinstrument.